text archiv: Athen Oktober 2011

unnamed
Das Protestspektakel ist sogar noch steigerungsfähig. Es war einmal in Griechenland.

Linke verhauten sich gegenseitig mit roten Fahnen, im Oktober 2011 vor dem greichischen Parlament in Athen, während eines Generalstreiks. Gewerkschaften, anarchistische und andere linke und alternative Organisationen hatten gemeinsam mobilisiert, mit dem gemeinsamen Ziel, die sozialdemokratische Regierung zu stürzen und die Sitzung und Abstimmung des Parlaments zu den neuen wirtschaftlichen Maßnahmen wie Kürzungen und neue Steuern zu verhindern. Die Mehrheit der politischen Bewegungen, Gewerkschaften und Politsekten in Griechenland hatten einige Tage vor dem 21. Oktober angekündigt, hierzu einen Großangriff gegen das Parlament zu starten und die Polizei zu überwinden. Neben den verschiedenen außerparlamentarischen Bewegungen und Gewerkschaften hatte die Kommunistische Partei, die damals etwa 8 % der Stimmen hielt, separat dazu mobilisiert. Das ist nichts Ungewöhnliches für diese Partei, da sie eigentlich immer versucht ihre Demonstrationen „sauber“ von anderen Fraktionen zu halten.

Das Aufeinandertreffen hunderttausender Protestierender und der Polizei hätte eine ernsthafte Bedrohung für das instabile griechische System darstellen können. Was am Ende jedoch die Wut des Protests daran hinderte sich am Parlament zu entladen war eine Kooperation der Polizei und der Kommunistischen Partei. Gemeinsam schützten sie das Parlament vor diesem Aufstand.

Wer schlug also wen? Wer waren diese Typen, die mit roten Fahnen aufeinander los gingen? Wir sollten uns die Rolle der Kommunistischen Partei in Griechenland, der KKE, in ein paar zentralen historischen Momenten in Erinnerung rufen. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei war in erster Reihe bei den Verhandlungen nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Vertrag von Varkiza von 1945. Die kommunistischen Guerillas gaben den bewaffneten Kampf auf, und als Resultat wurden tausende Kommunisten von den griechischen faschistischen Paramilitärs abgeschlachtet. Ein jüngeres Verbrechen gegen den Kommunismus durch die KKE ist ihre feindselige Haltung gegen den Aufstand und die soziale Bewegung, die sich gegen die griechische Diktatur 1974 richtete, als Studenten die Polytechnische Universität mitten in Athen besetzten. Generell versucht die KKE soziale Bewegungen zu kontrollieren und unter ihre Führung zu bringen, wenn dies nicht gelingt, gelten sie ihr als Feind der bekämpft wird.

Und wer steht auf der anderen Seite vor dem Parlament? Wir können die Geschichte der außerparlamentarischen und anarchistischen Gruppen hier nicht umfassend beschreiben. Eine wichtige Beobachtung kann aber sein, dass viele ihrer Teilnehmer, besonders unter den Alteingesessenen und den formalen und informalen Führungsfiguren, früher selbst der KKE nahe standen, und sich in politischen und speziell innerlinken Konflikten und Entwicklungen von ihr wegbewegten.

Im Oktober 2011 kollidieren zwei Formen des Avantgardismus. Es tritt auf, der Schwarze Block als Messias der Revolution, entschlossen die Situation vor dem Parlament zu eskalieren. Einige von ihnen sahen dies wohl als den Schlüsselmoment, in dem der herbeigesehnte Aufstand sich Bahn brechen würde. Jenseits davon ist die Gewalt dieser jungen anarchistischen Bewegung der Aufständischen keine gemeinschaftliche Geste und sie sollten nicht als eigene Fraktion beschrieben werden, sondern vielmehr als Fragment der beschriebenen ideologischen Traditionen verstanden werden. Die Nabelschnur dieser Tradition scheint nicht abgetrennt. Es gibt auch Stimmen die eine weitere ideologische Nabelschnur in der spektakulären und kulturindustriellen Gesellschaftsordnung diagnostizieren und den Aktionsfetisch der Insurrektionsten so erklären.

Am Ende haben wir jedenfalls auf der einen Seite die jungen Insurrektionisten die mit Bankern und Politikern ein Ziel gefunden haben und hinter eine Gesellschaftskritik auf Höhe der Zeit zurückfallen. Und auf der anderen Seite die KKE mit ihrem Sozialismus in einem Land und dem Ziel einer starken nationalen Wirtschaft. Das Erstarken der Neonazis unter anderem in Form von Chrysi Avgi (Golden Dawn), das in den Monaten nach der Konfrontation einsetzte, ist nicht das direkten Ergebnis von Linken die sich in einer Freakshow vor dem Parlament verhauen. Es ist tatsächlich noch schlimmer, die Linken bereiten das Feld für die rechte Ideologie mit ihrem nationalistischen Chauvinismus und ihrer beschränkten Kritik.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s